DER PHILOSOPHISCHER SKIFAHRER

Sokrates, Descartes, Kant, Jonsson. Der Profi-Skisportler Johan Jonsson tanzt in dieser Gruppe großer Geister aus der Reihe, aber nur, weil sich die bekannteren Denker der Geistesgeschichte niemals bequemt haben, den Abhang eines riesigen Bergs hinunterzufahren. Sie waren als Nerds zu sehr damit beschäftigt, das philosophische Panorama der Menschheit zu verändern. Doch genau wie diese erstaunlichen Philosophen befasst sich Jonsson mit den großen Fragen des Lebens. Obwohl er sich selbst nicht als Gestalter modernen Denkens beschreiben würde, hat die Philosophie von Jonsson doch seine Karriere als professioneller Skiläufer und sein Leben geformt. Und vielleicht – möglicherweise – hilft Sie auch Ihnen.

Jonsson stand bereits Anfang der 2000er Jahre als Profi-Skisportler auf den Brettern. Es war nicht einfach, aber das hat Jonsson nie interessiert. Der heute 37-Jährige wuchs in Malung, Schweden, auf und fuhr Rennski auf dem Hausberg, der gerade mal lächerliche 140 Höhenmeter maß. Seine früheste Erinnerung ist ein halber Rückwärtssalto, den er im Alter von fünf Jahren zustande brachte. Ja, er hat den Absprung dann geschafft.

Als Kind war er bereits sehr aktiv, spielte Hockey und Soccer und brachte die Nachbarschaft zur Verzweiflung. Mit der Sportmentalität der kleinkarierten Alles-oder-Nichts-Teams konnte er nichts anfangen. Und weil er ein sehr kleines Kind war, wurde ihm schnell klar, dass er nie ein Nachfolger von Wayne Gretzky werden würde. Hockey und alle anderen Mannschaftssportarten waren für ihn erledigt, und der Skirennsport wurde so etwas wie sein Fokus.

„Ich besuchte im Alter von 16 bis 19 eine Rennsport-Akademie,“ erzählt Jonsson. „Aber unglücklicherweise war ich zu unreif und unmotiviert, um mich richtig hineinzuknien, deshalb verließ ich die Schule, demolierte an einem Nachmittag das Auto meines Vaters auf den eisglatten Straßen und ging in meiner Panik in die Vereinigten Staaten, wo ich meinen ersten Freeride-Trip unternahm. Normal.“

In den Staaten verliebte sich Jonsson in die Freiheit, das Lachen, die Albernheit und den kreativen Ausdruck des großen Freestyle-Skiing in den Bergen. So begann seine berufliche Laufbahn, und er finanzierte seine Ski-Saisons mit Abrissarbeiten und Asbestentsorgung, die er im Sommer und Herbst in Engelberg, Schweiz, durchführte.

„Meine ersten internationalen Verträge unterzeichnete ich etwa sieben Jahre später,“ erinnert sich Jonsson. „Ich war völlig aus dem Häuschen, aber auch ein bisschen sauer, weil ich kapiert hatte, dass dies wahrscheinlich viel früher passiert wäre, wenn ich nicht die ganze Zeit blau gewesen wäre und mich wie ein Vollidiot benommen hätte. Naja, klar, das Schaufeln von Ziegelsteinen hat zumindest meine Muskeln gestählt.“

„Eine miese Einstellung ist niemals von Nutzen. Wenn man fähig ist, über alles zu lachen, egal ob gut oder schlecht, hat man immer seinen Spaß. Das ist ein Vorteil für das ganze Leben“, sagt der große Lebensphilosoph. Für Jonsson ist Skifahren eine großartige Metapher für das Leben. Tage mit herrlichem Pulverschnee bringen einen leicht zum Lachen. Aber „beschissenes Skifahren“ auf einer Kesselplatte regt womöglich noch mehr zum Kichern und zu sinnvollem Übermut an, ungeachtet einiger Ausrutscher.

Im letzten Frühjahr unternahm Jonsson einen Ski- und Segeltrip in Norwegen. Das Schiff war lang und komfortabel, aber die Skibedingungen waren denkbar schlecht bei der Ankunft. „Es war richtig warm und es hat geschifft,“ erinnert sich Jonsson. „Der Schnee sah aus wie eine gewellte, holprige Isomatte. Dann wurde es so richtig kalt. Skifahren war völlig unmöglich.“

Das Skifahren war so schrecklich im Hochgebirge, dass Jonsson und seine Mannschaft froh waren, als sie die brüchige Schneedecke an der Baumgrenze erreichten, auf der sie Hals über Kopf herumtorkelten. „Wir lachten die ganze Zeit,“ erzählt Jonsson. „Es war wirklich lustig. Sauer zu sein hätte nichts genützt. Dieses Verhalten oder diese Reaktion steht für eine falsche Art, unangenehme Situationen anzugehen.“

Laut Jonsson wird ein Mensch sowohl in den Bergen als auch im Leben nicht dann auf die Probe gestellt, wenn die Umstände günstig sind, sondern wenn alles schief läuft und Charakterstärke nötig ist.

Das Leben nicht ernst zu nehmen, war für Jonsson immer eine gute Strategie. Er definiert sich über den Skisport, der nicht nur für das steht, was er macht, sondern auch für seine Persönlichkeit und Lebenseinstellung: harte Arbeit, tiefsinnige Gedanken, Herumblödeln, viele Freunde haben, mit denen man teilt und in Verbindung bleibt und für die man da ist, wenn sie einen brauchen. Aber nichts ist so wichtig, dass man es nicht mit einer gesunden Portion Humor in Angriff nehmen könnte.

„Skifahren bedeutet mir alles. Ich werde dafür bezahlt, mein Hobby auszuüben,” sagt Jonsson. „Dafür bin ich sehr dankbar. Klar, es ist eine Arbeit, und die Erwartungen sind hoch, der Zeitaufwand ist groß, aber ich schufte, bis ich nicht mehr kann. Warum sollte man nicht ordentlich malochen? Wenn ich einen Schreibtischjob hätte, würde ich das genauso machen. Hirnchirurgen sollten ihre Arbeit sehr ernst nehmen, aber alle anderen brauchen das nicht. Mann, bei uns geht es doch nur ums Skifahren.”

Vielleicht sollten die Skifahrer keine Ratschläge für wichtige finanzielle Entscheidungen und Investitionen geben. Aber wenn du nach einem Rezept suchst, um glücklich zu werden und dir die Lebensfreude zu erhalten, besteht die Chance, dass diese Typen mit der Skibrillen-Bräune und dem frostigen Dauergrinsen bis hinter die Ohren dir weise Tipps geben. Die Skibrillen-Bräune von Johan Jonsson ist selbst aus dem Weltraum sichtbar. Lasst euch das gesagt sein, Leute.

Vor kurzem hat Johan sein persönliches Lieblingsprojekt für die Skisaison 2017 mit dem Titel „NEAR“ veröffentlicht, das er in seinem eigenen Hinterhof mit „B-Film“ Productions entwickelt hat. Wenn Sie die kürzlich erschienene Online-Version verpasst haben, können Sie das Video hier unten ansehen.

Johan: Im letzten Winter hatte die Saison in Engelberg ihren schlechtesten Start seit 1865, und natürlich fühlte ich mich gestresst und begann, Reisen in andere Teile der Welt zu planen. Aber dann hielt ich einen Moment inne und dachte nach … Flugzeug, Jetlag, die Jagd nach neuen und gefährlicheren Kicks, die Reise um der Reise willen. Nachdem ich eine Weile über meine Situation nachgedacht hatte, kam ich zu dem Schluss, dass ich nicht um die halbe Erdkugel fliegen muss, um neue Anregungen zu finden.

Einer der ersten schwedischen Ski-Profis sagte einmal zu mir: „Ein Tag unterwegs ist ein Tag, an dem du nicht Ski fahren kannst,“ und da ich lieber Ski fahre als reise, blieb ich daheim in Engelberg.